Sommerinterview mit Bastian Tielmann - Cheftrainer der niederländischen Skisprungnationalmannschaft


Der Sommer hat Einzug gehalten und die Springer bereiten sich vor auf die Sommerwettkämpfe. Zeit für uns, mit Menschen zu reden, die nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, aber dennoch großartiges leisten. Menschen wie Bastian Tielmann - der Trainer der niederländischen Skisprungnationalmannschaft.

Hier das Interview:


NJW: Bastian – zunächst einmal herzlichen Dank für die Bereitschaft für unser Portal für Fragen zur Verfügung zu stehen. Jetzt interessiert uns natürlich erstmal: Wie wird man Skisprungtrainer der Niederlande und wie war (kurz skiziert) dein sportlicher Werdegang bis zu diesem Schritt:

Das liegt wohl in der Familie. Mein Vater arbeitet schon seit 15 Jahren für den Niederländischen Skiverband, erst als Trainer, dann als Disziplinkoordinator.
Mein eigener sportlicher Werdegang ist recht kurz. Als Kind und Jugendlicher bin ich auch selbst gesprungen, jedoch unter ferner liefen. Und dann hab ich 2000 das Studium aufgenommen und den ersten Trainerschein gemacht. Und währenddessen habe ich immer mal wieder mit holländischen Kids trainiert, aber auch mit den Älteren etwa zu COCs gefahren. Ich habe also quasi immer dann ausgeholfen, wenn ein Trainer gebraucht wurde. Und als ich dann 2007 mit dem Studium fertig war, kam der Verband auf mich zu und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Holland zu ziehen und Trainer zu werden.


NJW: Gibt es in Holland denn Schanzen auf denen man wirklich leistungsorientiert trainieren kann? Oder weicht ihr für eure Trainingslager aus in andere Länder?

Nein, in Holland gibt es leider keine einzige Schanze. Uns würden ja schon zwei kleine Schanzen zwischen 10 und 30 Metern reichen, das würde schon sehr helfen, um Nachwuchs zu bekommen. Aber das ist ein kleiner Teufelskreis: Ohne Schanzen kein Nachwuchs und ohne Nachwuchs keine Schanzen.
Daher reisen wir natürlich sehr viel im Ausland umher. Es hat allerdings auch Vorteile: da wir sowieso reisen müssen, um zu trainieren, können wir uns immer die richtigen Schanzen aussuchen, die wir gerade benötigen.


NJW: Einen holländischen Skispringer kenne ich jetzt nicht im Weltcup. Wo kann man niederländische Springer bewundern? Und gibt es Talente, die vielleicht mal den Sprung in die Weltelite schaffen können? Uns würden auch ein paar Namen interessieren.

Das wird wohl noch eine kleine Weile dauern. Zumindest bei den Jungs. Da ja bei den Damen ab der Saison 2011/2012 eine Weltcupserie eingerichtet wird, können Wendy Vuik und Lara Thomae dann dort teilnehmen. Zur Zeit springen sie im COCL.
Die Jungs sind alle noch sehr jung, zwischen 12 und 16. In der letzten Saison haben Ruben de Wit und Oldrik van der Aalst schon einige FIS- Cup Bewerbe bestritten und sehr achtbare Ergebnisse gezeigt. Sie sind in teilweise großen und leistungsstarken Teilnehmerfeldern mehrmals unter die besten 30 gesprungen und das ist für 14 jährige doch sehr gut. Vielleicht dürfen sie in dieser Saison mal den an dem einen oder anderen COC teilnehmen. Aber die beiden haben sicher das Talent, um es mal in den Weltcup zu schaffen. Ansonsten bleiben hier zunächst die FIS- Cup Wettkämpfe, an denen sie teilnehmen werden. Außerdem haben wir noch drei weitere Jungs, von denen wir uns in diesem Jahr einen großen Leistungssprung erwarten und die bei entsprechender Leistung auch zum FIS- Cup dürfen.

Trainingsalltag
 Sprungtraining ohne Schanze - in den Niederlanden ohnehin nichts ungewöhnliches.
Foto von Bastian Tielmann


NJW: Was war da bislang der größte Erfolg, auf den du als Trainer für einen deiner Schützlinge zurückblicken kannst?

Das waren in der letzten Saison die tollen Ergebnisse im FIS- Cup von Oldrik und Ruben, aber auch der 15. Rang von Lara bei der JWM in Hinterzarten. Ansonsten sicher die Siege von Oldrik im Deutschen Schüler Cup in den letzten Jahren und auch die teilweise sehr guten Ergebnisse von Wendy vorletzte Saison. Also man sieht, dass wir langsam mal gewinnen sollten, damit wir dann auch größere Erfolge vermelden können.


NJW: Nachdem Simon Ammann ja in der vergangenen Saison (auch) mit seiner neuen Bindung den Weltcup dominiert hat und sich auch jetzt noch die großen Nationen schwer tun, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten (beim DSV Auftakt wurde auch noch mit der alten Bindung gesprungen) – welche technischen Möglichkeiten habt ihr, um auch auf international gutem Niveau mitspringen zu können?

Was das Material und auch wissenschaftliche Möglichkeiten im Training angeht, dann fehlt uns natürlich einfach das Geld. Im Materialbereich müssen wir eben mit einem paar Ski und einem Wettkampfanzug auskommen und können da nicht großartig testen. Also muss das Material, das wir dann anschaffen auch gut sein und wir müssen im Vorfeld die richtigen Schlüsse ziehen um dann konkurrenzfähiges Material zu haben. Bislang ist es uns recht gut gelungen.
Und was technische und wissenschaftliche Unterstützung im Training- und Wettkampfbetrieb angeht, so haben wir es natürlich schwer. Erstens besteht in Holland kaum eine Infrastruktur wie in Deutschland hierfür und zweitens ist Skispringen in Holland so klein und unbedeutend, dass es schwierig ist, Partner hierfür zu gewinnen. Es bleibt uns also nur, das Beste aus unseren Möglichkeiten zu machen.


NJW: Was sind denn die größten Probleme, die du derzeit hast im Trainingsbetrieb der Niederlande?

Das größte Problem stellt eigentlich die Entfernung der Sportler untereinander bzw. zu mir dar. Die Sportler wohnen im ganzen Land verstreut und da ist es natürlich schwer, sie regelmäßig zum Training zusammen zu holen. Das gelingt immer besser, aber natürlich nicht täglich. Somit müssen die Sportler einen Großteil ihres Trainings unbegleitet zu Hause machen und das ist natürlich vor allem für Kinder und Jugendliche nicht leicht.


NJW: Und was ist das reizvolle daran, eine Außenseiternation zu betreuen?

Es ist sicher schön, mit einem gewissen Underdogimage behaftet zu sein. Niemand erwartet viel von uns und insofern kommen Erfolge dann umso überraschender. Aber wir werden mittlerweile fast überall ernst genommen, einerseits durch die Erfolge im Schülerbereich und die Entwicklung bei den Damen, aber auch dadurch, dass die Leute sehen, dass wir ernsthaft und gut arbeiten und es eigentlich ziemlich egal ist, ob jemand aus Holland oder Deutschland kommt, zumindest was das Talent und dessen Entwicklung bis ins Jugendalter angeht.


NJW: Janne Ahonen und einige weitere haben es thematisiert. Springen hat auch teilweise etwas mit Hungern zu tun. Auch wenn ein BMI von 20 Pflicht ist, oft wird viel dafür getan, möglichst nahe an diese Grenze zu kommen. Wie stehst du zu diesem Hungerwahn? Und ist es wirklich wichtig, möglichst leicht zu sein? Was sind deine Kriterien für einen guen bzw. perfekten Springer? Und welche Rolle spielt der Kopf beim Skispringen?

Natürlich ist es beim Skispringen wichtig, leicht zu sein. Leicht fliegt nunmal besser und daran wird sich auch nie etwas ändern. Jedoch gehört für mich die Erziehung zu einer sportspezifischen Ernährung genauso dazu, wie das tägliche Training. Aber es ist natürlich ein wichtiges Thema, denn es ist in meinen Augen sehr wichtig, gerade die jungen Sportler gut darin zu begleiten. Aber ich bin der Meinung, dass ein Skispringer nicht per se hungern muss, um konkurrenzfähig zu sein, er muss lernen sich richtig und eben sportspezifisch zu ernähren. Das ist nämlich ohne Weiteres möglich. Auf der anderen Seite ist es natürlich für diejenigen, die von Haus aus etwas schwerer sind unter Umständen ein Problem, auf ein zweckmäßiges Gewicht zu kommen. Und darin liegt die Herausforderung, dies auf eine gesunde sinnvolle Art und Weise hinzubekommen.


NJW: Jetzt mal ehrlich. Du bist ein junger, aufstrebender Trainer. Warst an der Sporthochschule in Köln und kennst die Szene. Wäre es nicht einmal reizend, wenn beispielsweise Norwegen, die Schweiz oder eine andere Skination bei Dir anfragen würde?

Natürlich würde mich das sehr freuen und auch ehren. Denn es wäre eine große Wertschätzung für meine Arbeit. Und abgesehen davon hätten wir dann in Holland sicher größere Erfolge gehabt, wenn eine große Nation bei mir anfragen würde.
(Im Übrigen habe ich an der Uni Bonn (Sportwissenschaften, Erziehungswissenschaften und Soziologie) studiert, nicht an der Spoho. Aber dort halte ich mich zur Zeit auch regelmäßig im Rahmen des Studiums an der Trainerakademie des DOSB auf).

Bastian, danke Dir für die offene und ehrliche Beantwortung der Fragen. Beim Weltcup – auch bei den Sommerspringen sind immer Reporter von uns vor Ort – wann treffen wir uns dort?

Ich weiß nicht, ob ich es dieses Jahr zu einem SGP schaffe, vielleicht Hinterzarten zum FIS- Youth Cup. Ich werde wahrscheinlich zu den COCL fahren.


Bastian Tielmann ist 30 Jahre alt und seit 2007 Cheftrainer der Skisprungnationalmannschaft der Niederlande.

Das Interview führte Markus Sttettner von NORDICJUMPWORLD
(markus.stettner@nordicjumpworld.com )

Stand: 10. Juni 2010